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Ano IX | nº 6 | Julho/Dezembro 2008 | Publicação Semestral

Zusammenfassung

„Wenn du alles besitzt und keine Sehnsucht hast, dann bist du tot.“ Ansichten von Hermann Lenz (Zusammenfassung)

Thomas Dworschak

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4 Romane / Erzählungen von Hermann Lenz (1913-1998):
Calvaria oder eine Audienz in S., in: Spiegelhütte (1962), hier zit. nach der Ausgabe Frankfurt 1999 (Bibliothek Suhrkamp 1323)
Der Tintenfisch in der Garage, Frankfurt (Insel) 1977
Der Kutscher und der Wappenmaler, Köln (Hegner) 1972, hier zit. nach der Ausgabe Frankfurt 1975 (Bibliothek Suhrkamp 428)
Neue Zeit, Frankfurt (Insel) 1975, hier zit. nach der Ausgabe Frankfurt 1979 (suhrkamp taschenbuch 505)

Calvaria: Der 18jährige Carl Umgelter kommt nach Drommersheim (schwäb. „dromma“ = drüben, jenseits), um „Altertumswissenschaften“ zu studieren. In diesem Buch vermischt Lenz historische Epochen; vor der Stadt liegt eine römische Legion:
„Carl hatte die Absicht, dem Kaiser [Marc Aurel] seine Dienste anzubieten [...] Aber dann war Carl wenigstens einmal in die Umgebung des Kaisers vorgedrungen, die er sich eingetaucht in die schläfrig abwartende Stille eines Nachmittags dachte, wenn im Peristyl der Kaiservilla wie bei seiner Großmutter hinterm Roten Herzfleck Amseln und Sperlinge im marmornen Brunnenbecken badeten.“ (Spiegelhütte, 96f)
Aber statt zu träumen, unterwirft sich Carl der Disziplin der Verbindung „Calvaria“, weil schon sein Vater dort Mitglied war; am liebsten würde er allerdings wieder austreten:
„Du kannst überhaupt nicht mehr richtig vor dich hin trödeln oder dich im Horizont auflösen. Weißt du: wenn du so in die Ferne schaust, wo die Erde zu Luft wird, dann löst du dich auf. Statt dessen heißt’s: dem Grußcomment obliegen, grad als wärst du auf dem Kasernenhof.“ (Spiegelhütte, 98)
Der Kaiser und der Statthalter Drommersheims repräsentieren das „Vergangenheitsbewußtsein“, das die eine Hälfte von Carls Sehnsucht ist. Das Motto des Statthalters (und des Buchs Spiegelhütte insgesamt) ist: „Wer stehenbleibt, rückt weit vor in der Zeit.“
Die andere Hälfte, die „saudade“, wird von Carls Großmutter vertreten. Sie sagt:
„Für dich ist es das wichtigste, daß du zum Kaiser kommst. Der Kaiser ist kein Gott, alles andere als das, aber er hat die Saudade. Das, was denen allen fehlt. Den Babyloniern, meine ich. [...] du mußt ihnen sagen: Ihr wollt alles besitzen, ihr wollt alles in Händen halten. Und was haltet ihr, wenn ihr es endlich habt, in euren Händen? Fleisch und Steine... Ich will nichts in Händen halten, ich will es sehen, und zwar überm Horizont, wo das Mañana ist. Ich will die Saudade, das heißt Sehnsucht. Ihr habt ja keine Sehnsucht, ihr seid arm... Wenn du ihnen das sagst, schrumpfen sie zusammen oder zucken mit den Schultern: was will der altmodische Mensch...“
„‚Das Mañana ist immer stärker. Merk dir das’, sagte sie zu Carl.
‚Und das Heute?’ fragte er.
‚Das Heute hat nur einen Wert für das Mañana. Du weißt, daß das Mañana nirgends existiert? – Also gut, dann weißt du’s jetzt.’“ (Spiegelhütte, 123f) – Wesentlich also: Entsagung, Distanz
Die „Babylonier“, die auch in der „Calvaria“ zahlreich vertreten sind, sind die Feinde des Statthalters, der bestehenden Ordnung, der Sehnsucht (und tragen manchmal Nazi-Uniformen):
Die Babylonier zeigen Charakterzüge, die man als fehlgeschlagene Sehnsucht deuten kann:
- Militarismus, rigorose Disziplin: Festhalten an den Erscheinungen (hier: fixierten Regeln) der Vergangenheit, Buchstabengläubigkeit, statt das Wesen zu verstehen
- Umsturzgelüste gegen den Statthalter aus purer Langeweile, ohne positives Ziel; Meinung eines Babyloniers: „Beachtlicher Mann, aber er weiß zu viel. Das ist langweilig. Wir wollen nichts mehr wissen. Wir lassen uns auf etwas ein und wissen nicht, wohin es führt. [...] er benützt die Vergangenheit nur, um uns klein zu machen. Wir sollen uns ducken vor der großen Vergangenheit. [...] Wir wollen leben und uns nicht darum kümmern, was früher gewesen ist.“ (Spiegelhütte, 134)
- „Vitalismus“: Langeweile macht unruhig, man will sich bewegen, Kraft zeigen, ohne sich das Ergebnis denken zu können; geht auch in Hedonismus über

Der Tintenfisch in der Garage: Ludwig, 21, studiert im Jahr 1971 Deutsch in Regensburg. Er geht manchmal zu linken Leseabenden, wo ihn die Indoktrinationsversuche verstören; also spaziert er lieber am Donauufer herum. Er liiert sich mit der lockeren Friederike, die einen „Onkel“ hat, der sich als ihr Mann herausstellt; beide machen schmutzige Geschäfte. Friederike flüchtet sich manchmal in Ludwigs Geschichten vom idyllischen Altmühltal, kommt aber nicht richtig aus dem Sumpf heraus, während Ludwig sich nicht hineinziehen läßt, aber auch nicht helfen kann. Schluß des Buchs, nachdem Friederike & Onkel verhaftet worden sind:
„Und [Ludwig] zeigte Max einen versteinerten Ammoniten, der auf seinen Kollegheften lag, und sagte: ‚Den beneide ich. Der wäre ich jetzt gerne.’“ (Tintenfisch, 139)

Der Kutscher und der Wappenmaler: spielt ca. 1910, nach dem Ende des 1. Weltkriegs sowie zu Beginn des Dritten Reichs in Stuttgart und Umgebung. – Zu Beginn fährt der Kutscher August Kandel, 47, den Wappenmaler zum Neuen Schloß. Dieser macht ihm einen solchen Eindruck, daß er nie aufhört, an ihn zu denken, obwohl er nie richtig in Kontakt mit ihm getreten ist. – Kandels Nichte Lili, Dienstmädchen, hat eine Affäre mit einem Leutnant. Später heiratet sie einen Vermessungsingenieur, einen soliden, braven Mann. – Ihr Sohn Erich beginnt in den 30er Jahren, in Tübingen zu studieren. Vor den Nazis, die bald an die Macht kommen, graust es ihm, und so versteckt er sich mit Mörike in seiner Dachbude oder spaziert mit Kandel durch die Landschaft, um sich von früher erzählen zu lassen. Kandel ist da schon alt; aber zum Schluß kauft er sich ein neues Pferd und macht Erich zum Stallburschen. Kandel steht mit der Kutsche einen Tag lang am Hauptbahnhof, erkältet sich und stirbt.

Neue Zeit: Lenz’ alter ego Eugen Rapp, Student der Kunstgeschichte in München und von ähnlichem Geist wie Erich (s. o.), muß zu Beginn des 2. Weltkriegs zur Wehrmacht. Er gerät nach Frankreich und verbringt dann fast den Rest des Buchs im Grabenkrieg um Leningrad.

„INNERER BEZIRK“

Während die Sehnsucht in Calvaria materielle Stützen hat – den Kaiser, den Statthalter, die Großmutter, das tatsächlich vorhandene Römerlager usw. –, wird sie in den folgenden Büchern ganz nach innen verlegt. Peter Handke beschreibt das in seinem berühmten Artikel Tage wie ausgeblasene Eier. Einladung, Hermann Lenz zu lesen, durch den Lenz auf seine alten Tage berühmt wurde:
„[...] vor 1964 mit literarischer Technik auch absichtlich zu Bildern arrangiert, mit surrealistischen Methoden aus dem Erinnerungszusammenhang abstrahiert, aus dem Erinnerungsbild ein Traumbild gemacht – danach aber, in den späten Büchern jetzt [1973], werden diese arrangierten Traumbilder geduldig wieder aus den Arrangements befreit und, als ursprüngliche Erinnerungsbilder, zugleich beiläufiger und unliterarischer, sinnloser und zugleich sinnfälliger, geschichtlicher und zugleich gegenwärtiger.“ (Handke: Als das Wünschen noch geholfen hat, Frankfurt 1974 /
112003, S. 89f)

Indem die Sehnsucht in den von Lenz so genannten „inneren Bezirk“ verlagert wird, ist sie gleichzeitig subtiler und unzerstörbarer, weil ohne Abhängigkeit von der Außenwelt:
„[Friederike:] ‚Du brauchst nicht viel und willst auch nicht mehr haben als du hast... Übrigens kein Wunder, weil du alles hast... Du denkst dir etwas aus und hast es. Du hast deinen Bezirk, wenn du allein bist. Scharf und wild und böse beneide ich dich um deinen Bezirk.’“ (Tintenfisch, 67)
„[Der Onkel:] ‚Vielleicht kommt’s daher [= daß Ludwig immer so gelassen bleiben kann], weil Ihre Familie intakt ist. Dort fühlen Sie sich doch zu Hause, wie?’
[Ludwig:] ‚Ja, schon... Aber, wissen Sie, das ist nichts für die Dauer... Mir kommt’s oft vor, als meinten viele, wenn sie etwas hätten oder dächten, dann bliebe das für immer. Und für die Dauer eines Lebens haben Sie auch nur sich selbst.’“ (Tintenfisch, 85)

REALITÄT / REALITÄTSVERLUST?

Produziert der Rückzug nach innen nicht den Kitsch, den „Schundroman“? – Lenz läßt seine Protagonisten vielmehr die Realität als „Schundroman“ bezeichnen; der Realität wird die Realität bestritten, die Wirklichkeit vielmehr im Inneren, in der Sehnsucht, im Traum, im Gefühl geortet:
„‚Weil wir uns ducken müssen, holen wir uns die Freiheit aus dem Traum’, sagte Erich. Der brachte immer diese Gegenwart herein und meinte, die sei schmierig; es kam aber doch nur drauf an, wie man sie nahm. Sie beiseiteschieben, wenn sie einen nicht Haut an Haut belästigte, das war am wichtigsten. Und Kandel verriet Erich etwas vom ‚schönen Schein’, auf den er sich einstellte, um alles Schmierige, das meistens ranzig roch, von sich wegzuschieben. Der schöne Schein half ihm mehr als der häßliche, und heute war der häßliche modern; falsch aber waren vielleicht beide, nur konnte man sich hier nur für den einen oder für den anderen entscheiden, weil es nichts anderes zur Auswahl gab.“ (Kutscher, 154)
„Und daß es nun zusammenstürzte und vernichtet wurde, radikal, mit amerikanischen, mit englischen Bomben; auf daß gar nichts mehr übrigbleibe von der alten und von der neuen Zeit; auf daß es klaftertief hinuntersauste.
Unsinn. Die Erinnerung galt doch fürs ganze Leben. Immer blieben die alten und ewigen Gesetze da, schoben sich zwischen ausgefressene Häuser und machten die Waage gerade.“ (Neue Zeit, 347)
Der Krieg verdinglicht die Menschen, sie werden nur hin- und hergeschoben. Die Sehnsucht, die Introversion bringen Eugen Rapp als „Schutzschicht“ einen Abstand zu dieser Absurdität und erhalten ihm seine Menschlichkeit und Selbstachtung, obwohl der Abstand an Gleichgültigkeit grenzt:
„Da wurde in einen Menschenkopf eine Maschinenpistolensalve hineingejagt, der Menschenkopf lag neben seinen Füßen, er sah’s von oben her und ganz nahe; und trotzdem schrieb er wenig später Verse, in denen nur ein heller Schein und Schimmer war.
Vielleicht verachtenswert. Du kannst dich nicht empören; doch was hätte es schon genützt, wenn du dich empört hättest. Oder ist es möglich, daß dich eine Schutzschicht auch von der Verzweiflung trennt... Und die mit ihm hier im Sumpf waren, taten, was zu tun war. Es ergab sich und wurde hingenommen, wie beispielsweise dieses, daß die eigene Artillerie zu kurz schoß und eine Granate den Bunker zusammenpreßte, in dem Jussy lag.“ (Neue Zeit, 196)

VERNUNFT UND GEFÜHL

So zweifelt er an der Vernunft, zumindest derer, die sich selber für vernünftig halten (wie auch Lenz selber):
„Merkwürdig, solch ein Gefühl, nur gerade noch davongekommen zu sein, und wenn man’s genau ansah, war am wichtigsten doch nur dieses Gefühl. Solch ein Gefühl bestimmte alles, und das Ganze wurde auch nur von diesem Gefühl gelenkt: du mußt durchkommen. Erklären, auseinanderhalten und zerlegen, vielleicht wissenschaftlich, brachte niemand fertig; oder er brachte es mit einem Geschwätz fertig, das als scharfsinnig bezeichnet wurde; nach dem Geschwätz aber blieb nur dies eine übrig: das Gefühl.“ (Neue Zeit, 308)
„[Lenz] redete von den Bauspekulationen ringsum, von den Wirklichkeitsmenschen. Endlich sagte er: ‚Vielleicht sind für diese Leute die Projekte nur ein Ersatz für die Träume.’“ (Handke, a. a. O., 97)
Die Wirklichkeitsmenschen sind eher das Ziel von Lenz’ Kritik als die, die sich in den „inneren Bezirk“ zurückziehen: erstere haben die gleiche Sehnsucht usw. und werden davon gelenkt, haben nur nicht die Distanz zur Realität wie die Sehnsüchtigen und wollen ihre (vielleicht hinvernünftelten) Gefühle in die Wirklichkeit pressen. Ergebnisse: s. o. bei den Babyloniern;

WAS TUT MAN MIT DEM WAPPENMALER UND WAS TUT DER WAPPENMALER?

Chiffre: der Wappenmaler, der von Kandel bald als Metapher für alle Sehnsüchte, Ideale, das andere Leben usw. verwendet wird:
„‚Aber wir könnten ihn [= den Wappenmaler] uns halt vorstellen, sozusagen als einen hellen Mann. Weißt du, ich möchte etwas haben, das in der Ferne steht, damit ich drauf zugehen kann.‘ – ‚Also keinen aus Fleisch und Blut?‘ – ‚Eigentlich nicht.‘“ (Kutscher, 101f) „Denn es mußte etwas in der Ferne stehenbleiben, das unerreichbar war; sonst wurde es bloß steinern und blieb nicht mehr so angeschienen [...]“ (Kutscher, 15)
die Wirklichkeitsmenschen (auch Lilis Mann, s. o.) projizieren ihren Wappenmaler auf reale Personen; im Roman: auf den Kaiser, den „Stahlhelm“, die Nazis. (So sehen wir Kandel selbst an der Sehnsucht scheitern, als er im Alter unruhig wird und sich nach dem Kutschenfahren sehnt; die „Erfüllung“ bringt ihm Enttäuschung und den Tod.) Die wirklich Sehnsüchtigen begnügen sich dagegen (s. o. die Großmutter) mit dem Schauen. Sie kennen die Wirkung der Erinnerung: schon das Jetzt wird deshalb distanziert, ohne Verwertbarkeitsdenken, aus dem Blickwinkel der späteren Nostalgie betrachtet:
„Es ließ sich ertragen, nahe dem Herbstlaub zu sitzen und hinauszuschauen über eine Wasserlache mit moderigem Baumstumpf, hinter dem milchiger Himmel Wolkenfransen hatte, eine Szenerie, die schwieg. Daß du es merkst und allem nahe bist, daß du es anschaust, wirkt sich später aus, wenn du’s wieder heraufholst. Es lagert sich allmählich in dir ab.“ (Neue Zeit, 196)
und das Jetzt wird so besser erträglich (hier wird Lili von dem Leutnant erpreßt):
„Und er [= Kandel] fragte, wie sie [= Lili] es sich vorstelle, später, wenn die Sache mit dem [Leutnant] Süskindt einmal vorbei sei. – ‚Dann hab ich die Erinnerung. [...] Du, ich find es gut, wenn ich in das, was jetzt ist, immer schon ein bißchen spätere Erinnerung hineinscheinen lasse. Dann nehm ich’s leichter... Und es ist ja auch nicht so besonders wichtig, was ich jetzt mitmache.‘“ (Kutscher, 40)

ZWEI FRAGEN AN DIE SEHNSUCHT

¿ In den Romanen wirkt sie insbesondere als Hilfsmittel in ungünstigen Umständen. Was bleibt von ihr, wenn es jemandem gutgeht? (Kann man sie als ein Exerzitium betrachten, das den Geist auf schlechtere Zeiten vorbereitet?)
¿ In den Romanen sieht es aus, als sei sie Teil einer Charakteranlage. Muß man sie nicht eher auch als intentionale Haltung auffassen können, die es den Wirklichkeitsmenschen oder den gelangweilten und „nichtssüchtigen“ Babyloniern, erlaubt, besser mit ihren Wappenmalern umzugehen? So wäre sie eine Übung der Geduld, Entsagung und Betrachtung, die für jeden notwendig ist, insofern jeder einen Wappenmaler hat.

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