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Ano IX | nº 6 | Julho/Dezembro 2008 | Publicação Semestral

Conférence | Tagung | Colóquio

NOSTALGIE ET LE RÊVE EUROPÉEN

SEHNSUCHT UND DER EUROPÄISCHE TRAUM

SAUDADE/NOSTALGIA E O SONHO EUROPEU

Tagung des Internationalen interdisziplinären Arbeitskreises für philosophische Reflexion

in Zusammenarbeit mit der Maison Heinrich Heine

in Paris, 28. – 30. September 2006

Einführung und Kurzbericht über den Tagungsverlauf

Die Tagung, deren Vorträge nun hier gesammelt vorliegen, thematisierte den Begriff der Sehnsucht als fundamentalen Zustand des Menschen, als Aspekt seiner Unvollkommenheit und, davon ausgehend, die Möglichkeiten, mit ihr umzugehen: sie einerseits fruchtbar zu machen für das Leben und die Kunst; andererseits ihre zerstörerische Kraft zu erkennen.

Die Sehnsucht scheint in der Philosophiegeschichte nur in einer lang vergangenen Zeit eine Rolle gespielt zu haben. Im Idealismus und in der Romantik ist Sehnsucht konstitutiv für die anbrechende Moderne, weil sie der Zerrissenheit des Menschen und dem Verlust der Natürlichkeit entwächst (Schiller); sie ist Ursprung der Religion und der Kunst, indem sie auf das Übernatürliche, Wunderbare geht (Schleiermacher); sie ist unendliches Streben nach moralischer Vollkommenheit (Fichte); Philosophie ist Wissenschaft von der Sehnsucht (F. Schlegel). Nach Hegels Ablehnung aller „schlechten Unendlichkeit“ verschwand die Sehnsucht aber weitgehend aus dem philosophischen Wortschatz – ein Gegenstand im Gefühl, im Zeitgeist, im Kunstschaffen, in der Mystik, im Grübeln jenseits der Systembildungen blieb sie dennoch. Warum sollte es nicht Zeit sein, Sehnsucht ins philosophische Denken (zurück) zu bringen und – nachdem man ihren Begriff einmal von allem Kitsch befreit hat, den er sehr anzuziehen pflegt, oder über den Kitsch selbst reflektiert hat – zu zeigen, inwiefern sie nicht nur in der Philosophie, sondern auch in gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen relevant ist?

Strukturen wie die Beziehung zwischen Sehnsucht und Enttäuschung oder ihr doppeltes – utopisches und reaktionäres – Potential bieten sich als Ausgangspunkte für diese Untersuchungen an. Letzteres ließe sich beispielsweise als zeitliche Richtung der Sehnsucht beschreiben: wenn sie eine Utopie ist, so kann sie sich freilich einerseits ganz umstürzlerisch und progressiv gebärden – selbst wenn sie sich aus dem Nachträumen der Vergangenheit auf eine solche Weise nährt, daß die Vergangenheit und die Erinnerung wiederum selbst in eine Utopie umgeträumt werden und sich das kritische Potential der Sehnsucht entfaltet. Andererseits birgt der Blick in Richtung Vergangenheit die Gefahr, daß sich nur ihr regressives Potential zeigt und sie so zu rückwärtsgewandter Musealität oder ganz zur Weltflucht gereichen kann. Aus der Sehnsucht und der Enttäuschung und einem mehr oder weniger oder gar nicht angemessenen Verständnis ihnen gegenüber werden reaktionäre Haltungen ebenso geboren wie revolutionäre, und der jeweilige Umgang mit der Sehnsucht, das Wissen um ihre Struktur und Dynamik und die manchmal nötige Entsagung gegenüber ihren ‚Ideen’ entscheiden zwischen Versöhnung und Terror.

Dem Ort angemessen, fand die Tagung – zum ersten Mal in der Geschichte des Kreises – zweisprachig statt. Wir wollten vermeiden, um der Bequemlichkeit willen Englisch als allgemein, aber auch nur holprig einsetzbare Universalsprache zu verwenden, und stattdessen die Ausdrucksfähigkeiten unserer eigenen Muttersprachen nutzen. (Eigentlich wäre Fünfsprachigkeit angemessen gewesen, aber nicht zu leisten, so daß die japanischen, brasilianischen, chilenischen und portugiesischen Teilnehmer auf Deutsch und Französisch zurückgriffen.) Als Übersetzer wirkten Niels May und Anna Karla; ohne sie wäre die Umsetzung dieses Konzepts kaum möglich gewesen, und ihnen gilt an dieser Stelle unser herzlicher Dank, ebenso Christine Albrecht, die den ersten Kontakt zwischen Frauke Kurbacher und Inez Sastre und Frau Deussen an der Maison Heinrich Heine geknüpft hat.

Mieko Matsumoto hatte für den ersten Beitrag „sehnsüchtige“ Bilder über den Saal verteilt und Fragen vorbereitet, mit denen sie die ganze Teilnehmerrunde einband: Nachdem sie die japanische Etymologie von „Nostalgie“ – einerseits entspricht ihr ein aus dem Chinesischen übernommen, aber schwer auf die westlichen Begriffe zu übertragendes Zeichen, andererseits wird einfach das französische Wort phonetisch nachgebildet – vorgestellt hatte, waren die Anwesenden gefragt, ihre eigenen Assoziationen und Gedanken zu sammeln und vorzustellen. So hatte man Konkretes zur Hand, um anschließend zu sehr grundlegenden Vorträgen überzugehen.

Richard Scheringer nutzte die Anthropologie Hellmuth Plessners, um Sehnsucht als ganz grundlegenden und auch paradoxen Zustand des Menschseins darzustellen. Der für alle lebenden Körper gültige Zustand der „Positionalität“, das heißt der dynamischen, tätigen Beziehung zur Umgebung, ist besonders beim Menschen „exzentrisch“: er ist in seinem Leib und hat ihn auch. Daraus entsteht eine doppelte Beziehung zum Selbst, zur Außenwelt und zur Mitwelt, dem sozialen Raum, indem der Mensch in allen drei Fällen halb auf sich zentriert, halb auf die Welt bezogen ist und nicht ohne diese wirklich sein kann. So muß er stetig schaffend sich beziehen und sein Leben „führen“, weil er immer über sein Werk hinaus ist. Dieser Zwischenzustand, wenn er etwas beendet und nichts Neues angefangen hat, ist die Sehnsucht – selbst ein Paradox, denn sie wird so (als Gedankenprodukt, als Erinnerung, als Utopie) ebenfalls zum Bezugspunkt und zum Werk, dem man gegenübertritt; und so ist sie kein haltbarer Zustand, weil der Mensch nicht im „ortlosen Zwischen“ bleiben kann.

Vom Individuellen zum Kollektiven lenkte Jörg Albrecht den Blick. Sein Beitrag berief sich auf die Theorie des Mythos von Georges Sorel sowie auf Spinozas Theorie der Affekte. Mythen sind laut Sorel sozial-politische Institutionen, die in der Lage sind, gesellschaftliche Dynamiken zu erzeugen, und zwar unabhängig von der Übereinstimmung ihres Inhalts mit der Wirklichkeit; vielmehr ist ihre Wirksamkeit auf eine Masse entscheidend und somit der Bezug auf deren „Wollungen“, Hoffnungen oder Sehnsüchte.

Eine kulturkritische und doch sehr auf das Individuum zurückgreifende Perspektive bot Bettina Voigt. Sie betrachtete den modernen Menschen als Teil einer narzisstischen Kultur, in der jeder sich nicht nur in einer zufällig und ordnungslos scheinenden Welt findet, sondern auch sich selbst als uneinheitlich und ohne Orientierung. Er bastelt ständig – angetrieben von den Leitbildern seiner Umwelt – an seiner Identität, die nie vollkommen wird. Es entsteht die Sehnsucht nach einem zusammenhängenden und dauerhaften Ich. Dieses wird zum Gegenstand des narzisstischen Kultes; es ist das „sakrale Individuum“ in der postsäkularen Gesellschaft, verschieden für jeden. Ein Weg zur Überwindung dieses zersplitterten Zustandes ließe sich im Dialog und in der Anerkennung des Anderen und seiner Werte finden.

Mit der „Sehnsucht nach dem Tod“ befaßte sich Sandra Baquedano Jer. Zuerst stellte sie Schopenhauers Standpunkt zum Selbstmord dar, um dann Philipp Mainländer zu behandeln. Schopenhauer zufolge ist zwar die Verneinung des Willens zum Leben anzustreben, aber diese werde durch den Selbstmord gerade verfehlt, denn letzterer sei lediglich eine Verneinung der Zustände, aber am Ende eine Bejahung des Willens. Es stellt sich die Frage, ob es Schopenhauer hier nicht am grundsätzlichen Verständnis für das Leiden und das Denken dessen fehlt, der sich umbringen will, indem er das Leiden durch Abstraktion seiner Bedeutung beraubt. – Mainländer konzipierte, von Schopenhauer angeregt und ihn umdeutend, eine negative Teleologie, nach der die ursprüngliche Vollkommenheit Gottes entschieden hat, selbst zu zerfallen; ihre Teile sind die Welt, die dem „Gesetz der Schwächung“ – für den Menschen ein „Gesetz des Leidens“ – unterliegen und nach ihrer eigenen Vernichtung streben. Der Wunsch nach dem Tod zeigt sich, erkennt man dieses Gesetz, als fundamentaler als der Wille zum Leben.

Zwei Vorträge über literarische Stoffe boten am Freitag morgen Illustrationen zu den vorher entfalteten theoretischen Modellen. Thomas Dworschak sprach über vier Romane von Hermann Lenz, in denen sich empfindsame, melancholische Charaktere in Umgebungen befinden (insbesondere im Dritten Reich und im Krieg), die ihnen nicht entsprechen. Zum würdevollen Überleben hilft ihnen die Sehnsucht, die die Gegenwart auf Distanz hält und es ihnen erlaubt, einen „inneren Bezirk“ vorzustellen und zu erleben, eine Gegenwirklichkeit mit genauso starker Realität, die aber scheitert und zur Katastrophe führt, wenn man sie verwirklichen will.

Martin Schmidt präsentierte Marcel Proust als einen Autor, der die Sehnsucht nicht nur als unumgänglichen Bestandteil des Lebens erkennt, sondern auch als Grundlage für seine Kunst. Die Enttäuschungen, die der Protagonist beständig erlebt, schicken ihn auf die Suche nach ihren Gründen. In der Betrachtung der Versprechen und Sehnsüchte und ihrer Enttäuschungen zeigt sich, daß die Sehnsucht die Zeitlichkeit des Menschen überhaupt begründet. Wird sie begriffen, ist sie nicht nur Quelle des Leidens: Erinnerungen und Wünsche, die den Stoff der Sehnsucht bilden, reichern das Erleben an und ermöglichen erst Schönheit und Wert und das Wirken des Künstlers. – Ganz zum Abschluss der Tagung trat Martin Schmidt auch als DJ auf und präsentierte den „sehnsüchtigsten Synthesizer“.

Martin Palauneck ging die Sehnsucht mit den Mitteln der Cartesianischen Analysis an. Nimmt man nach und nach alle empirischen Bestimmungen von der Sehnsucht weg, zeigt sie sich als unvermeidlich für den Menschen, weil dieser unvermeidlich endlich ist. So bestimmt sie auch das Selbst-, Welt- und Gottesverhältnis des Menschen. Weiterhin diente der Vortrag zur Verteidigung der Philosophie, indem die Analysis als philosophische Methode einen Zugang zu Gegenständen – hier beispielhaft: zur Sehnsucht – möglich macht, der den empirischen Wissenschaften ohne eine solche Methode verwehrt bleibt.

Johann Gudmundsson fand die Sehnsucht in der Philosophiegeschichte, und zwar im nach-Kantischen Diskurs. Er deutete den Dualismus Kants als Motivation für eine „Sehnsucht nach der Objektstufe“, die sich in den Werken insbesondere von Schelling, Fichte und Hegel zeigt: die Kluft zwischen Subjekt und Objekt als Sehnsucht des Subjekts, das Objekt völlig zu ergreifen und zu erkennen, soll durch das Konzept der „intellektuellen Anschauung“ oder des „an und für sich“ geschlossen werden. Dieses Konzept verbleibt allerdings selbst auf einer Metastufe, so daß die Objektstufe auf eine praktische Weise (wieder-) gewonnen werden soll. Laut Schelling gelingt dies in Kunst, Dichtung und Religion. – Auf Grundlage dieser Denkstrukturen entwickelte die Sehnsucht große Bedeutung in der Epoche nach Kant und ist somit ebenso aktuell wie die Beschäftigung mit dem deutschen Idealismus.

Über die „materialistische Sehnsucht“ bei Adorno sprach am Nachmittag Eduardo Guerreiro B. Losso. Er stellte sich die Frage nach dem Bezug zwischen Adornos negativer Dialektik und seiner Ästhetik und der „negativen Theologie“. Adornos spricht vor allem eine regressive „Sehnsucht nach Sekurität“ und nach Unmittelbarkeit in der Ästhetik und Ontologie an. Ihr gegenüber aber finden sich das Rauschen und der Rausch: „das echte Streben der Kunst in der Verarbeitung des Scheins“, ohne „Mythos der Melodie“, also als etwas zugleich Undeutliches und Tiefes. Dies steht gegen fixierte Sehnsüchte, wie Adorno sie in Marx’ Utopie findet. Nun behauptet oder fordert Adorno „die materialistische Sehnsucht, die Sache zu begreifen“, wobei es sich um einen Materialismus handelt, der eben keine begrifflichen Festlegungen und fixierten Vorstellungen gestattet und deshalb ein quasi-theologisches „Bilderverbot“ enthält. In Bezug auf Dionysius Areopagita wurde auf eine negative („apophatische“) Theologie hingewiesen, die ebenso keine begrifflichen Festlegungen Gott gegenüber zuläßt; vielmehr verneint sie alle Aussagen über Gott und selbst die Verneinung und kommt so über die Sprache hinaus zu einer mystischen Erfahrung. Das Subjekt zerstört sich kurzzeitig selbst – ebenso wie im Rausch(en), der (das) als „säkularisierte Eucharistie“ erscheint.

José Manuel Gomes Pinto war persönlich nicht anwesend, hatte aber einen kurzen Vortrag unter dem Titel „Sur un problème du passé: le futur du corps humain“ übermittelt. Er bezog sich insbesondere auf das Konzept vom Cyborg, das dadurch entstand, daß der menschliche Körper in der technisierten Welt problematisch wird, indem er deren Erfahrungsmöglich¬keiten nicht gewachsen ist. Der griechisch-australische Künstler Stelarc folgerte daraus, daß der Körper durch technische Mittel erweitert werden müsse. In den Begriffen „Cybercul¬ture“ und „Cyberspace“ finden sich Reflexe dieser Gedanken, indem hier neue, erweiterte Erfahrungs-, Kommunikations- und Handlungsformen entstehen, und der Mensch, der sich ihrer bedient, wird zum Cyborg, indem er sich durch die Technik erweitert. Entsteht so ein „Post-Humanismus“? Der Autor meint: nein, denn selbst durch die Erweiterung entsteht kein grundsätzlich neuer Zustand, und das „Post-Humane“ ist immer noch das Humane.

Bruno Antunes entwickelte, sich stark auf den Situationismus beziehend, die „Atomkraft Sehnsucht“ / „Nostalgie Nucléaire“. Das Herz (der Nukleus) der zeitlichen Erfahrung ist der gegenwärtige Moment, den die Kraft der Sehnsucht zu sehen und (be)greifen versucht. „L’aspect mécanique de nos gestes“ macht die Gegenwart unmenschlich und verhüllt nur die Sehnsucht nach Gegenwart. Beispielsweise in Grotowskis Théâtre Laboratoire wird nun versucht, sich von einer solchen Unmenschlichkeit zu befreien, indem eine „Situation“ erzeugt wird, die dem Menschen seine „Psychogeografie“ erlebbar macht; letzteres ist das Ziel des Situationismus, und nicht ein dauerhaftes Werk. Mit Ausschnitten aus Filmen von Guy Debord wurden diese Konzepte veranschaulicht. – Kurzfilme aus eigener Produktion von Julia Hertäg trugen weiter dazu bei, aus dem Medium Film einen Impetus für die Tagung zu gewinnen.

Den Samstagmorgen widmeten wir Spaziergängen durch die Stadt der Sehnsucht, teilweise auf eigene Faust, während sich eine Gruppe nach La Défense aufmachte und versuchte, den Ort, den Peter Handke 1972 in dem Aufsatz „Die offenen Geheimnisse der Technokratie“ als Gipfel der Unmenschlichkeit beschrieben hatte, im Hinblick darauf zu betrachten, ob er der Ausdruck einer gescheiterten Utopie sei. Dies war offensichtlich nicht der Fall, und die Vielfalt der Bauwerke und der Ansichtsmöglichkeiten erfreute die Teilnehmer. So drangen wir bis nach Utopia vor, wo allerdings gerade Baustelle war.

Nachmittags sprach Marcel Bénabou unter dem Titel „Du Livre aux livres“ über die Rolle der Sehnsucht in seiner Entwicklung als Schriftsteller. Gelähmt von der Faszination des vollkommenen Buches – zum einen der heiligen Schrift, die in seiner jüdischen Kindheit von großer Bedeutung war, zum anderen von Mallarmés Spruch, alles auf der Welt bestehe, um zu einem Buch hinzuführen –, war es ihm lange unmöglich, seine Schreibprojekte zu verwirklichen. Befreiend wirkte die Begegnung mit Perec und dem Oulipo (Ouvroir de littérature potentielle / Werkstätte der potentiellen Literatur): der unmögliche Schreibvorgang wurde selbst zum Gegenstand des Schreibens, das durch „Zwänge“ befördert wird: vorhandenes Sprachmaterial wird regelgeleitet umgeformt, und aus dem Stoff, der so entsteht, entspringt neue Inspiration. So gelang der Autor zu einer „halb-mallarméischen, halb-proustischen Lösung: ein Werk zu konstruieren, das vom Wunsch zu schreiben handelt und von der Schwierigkeit, gar der Unmöglichkeit, das erträumte Werk zu vollbringen.“

Die Studie „Heimweh und Verbrechen“ von Karl Jaspers war der Ausgangspunkt für die Überlegungen von Frauke A. Kurbacher. Diese Studie beschäftigt sich mit Verbrechen, die von 9- bis 14jährigen Mädchen offensichtlich aus Heimweh begangen worden waren. Es stellt sich die Frage, ob das Heimweh oder die Sehnsucht, die diese Straftaten motivieren, nicht extreme Fälle einer „grundlegenden Unverortetheit des Menschen“ seien. Diese Unverortetheit macht es erst möglich, aber auch notwendig, eine selbstgewählte Haltung zu sich und zur Welt einzunehmen. Nach der Lektüre der Jaspers’schen Studie ließe sich vermuten, daß die Haltungslosigkeit und die Sehnsucht, wenn sie in sozial angespannten Lagen unreflektiert bestehen bleiben, grundsätzlich ein Gewaltpotential enthalten. Bildung könnte helfen, diese Energien kreativ zu nutzen. Diese Überlegungen beziehen sich unmittelbar auf aktuelle Diskussionen über Minderheiten, Migranten etc., die sich in der Heimatlosigkeit befinden und unsere gesellschaftliche Verantwortung ihnen gegenüber.

Abschließend bestätigte sich die Vermutung, daß es sich bei der Sehnsucht um weit mehr handelt als um ein veraltetes Konzept der Philosophiegeschichte, sondern daß sie vielmehr auf ebenso schützende wie zerstörerische Weise im Menschen überhaupt wirkt. Solcherart fügte sich die Tagung unter den Titel „Humanität“, der die beiden Jahrestagungen von 2006 überdacht. Im Rahmen der fünfjährigen Reihe „Gebildet – Europa als Bildungsprozeß“ steuerte sie Untersuchungen zu einem Problem bei, das in der Bildung theoretisch eine zentrale Rolle einnimmt und also in der Praxis mehr Beachtung verdient.

Thomas Dworschak

November 2006 / April 2008

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